Ein Manifest sollte es sein, was die Damen und Herren Alphajournalisten und -blogger (Niggemeier, Sixtus, Lobo, Passig und Co., die üblichen Verdächtigen halt) da dieser Tage von sich gegeben haben. Als Antwort auf die Heidelberger Erklärung und die Hamburger Erklärung war es gedacht, als Replik auf alles, was die “Internet-Ausdrucker”, also die Leute, die ihrer Meinung nach vom Netz keine Ahnung haben, von sich gegeben haben. Herausgekommen ist eine sagen wir halbgare Sammlung an wenig überraschenden Wahrheiten, einige Platituden und Meinungen. “17 Behauptungen” darüber, “wie Journalismus heute funktioniert” heißt es im Untertitel und das ist auch treffender.
Ein Diskussionspapier mag es gerne sein, doch die Autoren führen gerade eindrucksvoll vor, warum es eben nicht funktioniert, ein solches Diskussionspapier in ein Wiki zu stellen. dass das Internet eben doch kein so demokratisches Medium ist, wie sie es gerne hätten. Es sei schon schwierig genug gewesen, fünfzehn Leute unter einen Hut zu bringen, lassen die Autoren wissen.
Aber gehen wir doch mal Punkt für Punkt durch…
These 1: Selbstverständlich - daran zweifelt auch niemand. Die Frage ist vielmehr, wie die etablierten Medien das umsetzen wollen und können.
These 2: Das klingt mir zu sehr nach Aufhebung des Gatekeeper-Gedankens… ist zwar sicherlich richtig, aber nur die halbe Wahrheit: Es bleibt nicht nur die journalistische Qualität, die zu Aufmerksamkeit führt, sondern der Markenaspekt wird unterschlagen. Eine Marke, die als Print- oder AV-Marke funktioniert hat, wird es auch im Netz leichter haben.
These 3: Das ist dann schon mal einer der Hauptkritikpunkte, die ich äußern möchte. Eine solche Einschätzung spiegelt nicht die Realität des Jahres 2009 wider, sondern allenfalls die des Jahres 2015 (und vielleicht noch nicht mal die, warten wir’s ab). Fragt doch mal Lehrer, wie viele ihrer Schüler in der Oberstufe nicht wissen, was ein Blog ist. Fragt Menschen jenseits der 50, ob sie mit sozialien Netzwerken etwas anfangen können (und gebt ihnen möglichst noch den Begriff Xing dazu).
These 4: Klares Ja. Zugangssperren bringen nur denen Ärger, die technisch nicht so ganz auf der Höhe sind. Die, die für die sie eigentlich gedacht sind, werden sie dagegen immer umgehen können. Versprochen!
These 5: Das ist ein klares Argument für Medienhäuser und Special-interest-Blogs und -portale. Der Großteil der Nutzer ordnet nämlich nicht seine Informationen selbst, er klickt auf zwei, drei Seiten - möglicherweise die, die er aus der Offline-Welt auch kennt. Der bewusste Mediennutzer, der RSS-Feeds aggregiert, Twitter-Feeds liest und Informationen ordnet - das sind sehr wenige.
These 6: Klingt schön - ob’s auch so kommt, können wir nur hoffen. Ich hätte mich eher auf das “verändert” als auf das “verbessert” eingelassen.
These 7: Ja, klar. Könnten sich bitte die Verlagsleiter und Chefredakteure das in Gold rahmen und dreimal täglich vorbeten? Ich denke da vor allem an Hans-Jürgen Jakobs von der Süddeutschen, der noch auf dem diesjährigen Süddeutschen Journalistentag des DJV gegen die Verlinkerei wetterte und Ideen wie Perlentaucher.de anprangerte, die ihm angeblich das Geschäft kaputtmachen. Er zog dann noch die Parallele zu “denen da in Schweden” (gemeint waren die Piratebay-Betreiber, die in derselben Woche verurteilt worden waren). Spätestens da wurde klar, dass er Äpfel mit Birnen vergleicht und den medialen Sprung ins 21. Jahrhundert noch vor sich hat.
These 8: Keine Diskussion und volle Zustimmung
These 9: Sicher richtig, wobei wir uns von dem Bild der elektronischen Agora (Rheingolds Thesen aus den 90ern) endlich verabschieden müssen. Das Internet ist ohne Einflussnahme durch z. B. Medien per se auch nicht demokratischer als andere Medien vor ihm - bevorzugt sind die, die den Kampf um Aufmerksamkeit gewinnen, auch wenn die Mittel andere sind (SEO, Online-Marketing, virales Marketing etc.).
These 10: Auch kein Punkt über den man streiten muss, wobei das Meßinstrument für guten Journalismus noch nicht gefunden ist - das wird Bloggern immer wieder deutlich, wenn sie sich zum Beispiel bei den Messegesellschaften akkreditieren müssen (namentlich Hannover).
These 11: Es hat wohl auch niemand vor, Informationen zu unterbinden. Sicher ist aber, dass das Mehr an Informationen eher dazu führt, dass wichtige Informationen auf der Strecke bleiben. Das knüpft eigentlich nahtlos an These 5 an. Wichtig ist der Sortierer, der Aggregierer.
These 12: Ein klares Argument gegen einen gebührenfinanzierten Rundfunk, der sich mehr als programmbegleitend auf’s Netz auswirkt. Das Heulen der Verleger, Google enteigne sie, ist hier gänzlich unangebracht, peinlich und unverständlich. Das Internet ist ein freier Markt und dem haben sich die Marktteilnehmer zu stellen. Den sozialen Charakter der sozialen Marktwirtschaft kann es allenfalls durch die Anwender geben, nicht durch irgendwelche Regularien von Regierungen und NGOs. Was würde Google tun, wenn in Deutschland Gesetze irgendwelche Abgaben vorsähen? Das Unternehmen ginge ins Ausland und würde von dort aus weitermachen (fragt mal Elby/Slysoft zu dem Thema). Mit nationalen Gängelungen und Reglementierungen ist im Netz (zumindest in dieser Hinsicht) niemandem beizukommen.
These 13: Hier würde ich vor allem den ersten Gedanken unterschreiben. Wenn jemand mein Ebay-Bild für seine Auktion verwendet - so what? Aber mein geistiges Eigentum muss auch meines bleiben, bzw. muss ich als Urheber hierauf Einfluss haben, was damit geschieht. Die Verlage sind hier kein gutes Vorbild, das kann jeder Autor und freie Journalist am eigenen Leibe erfahren. Mehr sog’ i net.
These 14: Klares Ja - Aufruf an Verlage und Medienunternehmen: Seid kreativ! Schaut, was funktioniert und was nicht! War in den Anfangsjahren des Rundfunks auch nicht anders.
These 15: Das stimmt so nicht - ich würde umformulieren: Was im Netz ist, ist schlechter steuerbar. Es kann dort bleiben,verschwinden oder Dir aus der Hand genommen werden, indem es kopiert und weiterverwendet wird. Darauf verlassen sollten sich die Historiker jedenfalls nicht, dass Netzinhalte auch in 2, 20 oder 200 Jahren noch auffindbar sind.
These 16: Das ist eine schöne, romantische Vorstellung (die ich auch teile, dafür bin ich Journalist mit einem Anspruch geworden). Aber wir müssen uns auch klar darüber sein, dass der Qualitätsbegriff nicht immer zieht, dass es noch andere Waffen im Kampf um Aufmerksamkeit gibt, die weitaus durchschlagender sind. Ich sehe da vor allem bestehende Marken und “niedere Instinkte” des Rezipienten. Wer etwas anderes behauptet, soll sich bitte die Klickzahlen von Bilderstrecken und anderen Gaga-Formaten ansehen. Das ist übrigens auch in den alten Medien (Zeitung, Zeitschrift, Fernsehen, Hörfunk) nicht anders: Leichtverdauliches schlägt regelmäßig anspruchsvolle Inhalte, so bedauerlich das ist.
These 17: Die Schwarmintelligenz schlägt den einzelnen - das ist richtig und schön. Nur ist es zumindest heute noch nicht so, dass das Gros der Nutzer Wikipedia- und andere Inhalte hinterfragt, das hat der Guttenberg-Fall vor einigen Monaten gezeigt. Nicht einmal Journalisten tun das. Das Internet bietet allerdings überhaupt erst die Möglichkeit, den Nachrichtenfluss bis zur Quelle zurück zu verfolgen. Dass das gerade für Journalisten eine Herausforderung ist, kann nicht bestritten werden. Es kann aber auch zu Formen des Forenmobbings führen.
Fassen wir zusammen: Es ist schwer bis unmöglich, einen Umwälzungsprozess wir den aktuellen Medienwandel in 17 Thesen zu fassen und diese an die virtuelle Kirchentür zu nageln. Irgendwie erinnert das Manifest über weite Strecken an ein Wahlkampfprogramm, enthält viel Belangloses und diverse Allgemeinplätze. Jeder wird einige Punkte finden, die er so unterschreiben kann, mehr auch nicht. Vielleicht war das Ganze ja mal wieder eine PR-Maßnahme für die siebzehn fünfzehn Netzmenschen,die sich zu Wort gemeldet haben - der große Wurf war’s jedenfalls nicht.
Ein paar andere Reaktionen werde ich die Tage noch posten und twittern - das “wahre Moneyfest” schon mal als Einstieg. Nett auch, was Hal Faber in seiner gewohnt liebenswürdig-ironischen Art dazu meint. Außerdem lässt es Mercedes Bunz es in ihrem neuen Job beim Guardian doch etwas sehr an der gebotenen Differenzierung zwischen Meldung und Meinung fehlen.