Sep 12
Die Bahn hat die geplante Gebühr für Fahrkarten, die am Schalter gekauft werden, nun also doch noch gekippt. Ein PR-Unfall der besonderen Art. Stand Bahnfahren doch ohnehin schon im Verdacht, nicht nur teuer, sondern auch kompliziert zu sein. Wer die Automaten der Bahn nicht kennt, sollte sie einfach einmal ausprobieren - sie sind weniger kompliziert als man erwartet und man braucht definitiv kein Abitur, um an eine Fahrkarte zu kommen.
Gerecht wäre es schon gewesen, die Kunden, die Beratung wollen, zur Kasse zu bitten. Wohl gemerkt nicht alle, die eine Fahrkarte am Schalter kaufen, wollen und brauchen Beratung - wer seine Verbindung selbst recherchiert hat, sollte die Karte auch so bekommen - das haben schließlich etliche Gerichte im Zusammenhang mit Bankdienstleistungen entschieden. Andererseits: Wer Beratung in Anspruch nimmt, sich sämtliche Zuggattungen erklären lässt und das Für und Wider von Schlaf- und Liegewagen beschrieben haben möchte, kann auch dafür bezahlen. Schließlich ist das in Reisebüros seit Jahren übliche Praxis, dass eine Dienstleistung (Beratung!) bezahlt werden muss.
Was folgt jetzt aus der gekippten Gebühr? Bahnfahrkarten werden (für alle!) noch teurer als sie ohnehin schon sind. Und immer mehr Schalter werden geschlossen und Mitarbeiter abgebaut, so dass diejenigen, die wirklich Beratung brauchen, keine mehr bekommen werden - nicht einmal die, die dafür zu zahlen bereit wären. Ich sehe schon in kleineren Städten immer öfter geschlossene Schalter. Die Bahn wird kurzfristig den Kartenkauf per Web und Automat billiger machen - das wiederum darf sie - und im kommenden Jahr die Preise für alle erhöhen.
Es gibt nur zwei Wege: Entweder möglichst niedrige Preise - dann müssen wir bereit sein, mitzuarbeiten - siehe der dazu passende Artikel in der Zeit - oder wir sind bereit, die Leute zu entlohnen, die uns diese Dienstleistung erbringen. Das ist gerade in Zeiten einer Mindestlohndiskussion nicht mehr als recht.
Sep 12
Nun ist also tatsächlich das passiert, was auf der Präsentation der Spracherkennungs-Software Dragon 10 vor einigen Wochen noch lachend als Szenario beschrieben und in einem Film den anwesenden Journalisten gezeigt wurde: Ein Augsburger Staatsanwalt (oder dessen Mitarbeiter - das prüft die Staatsanwaltschaft offenbar gerade) hat in einem Schriftsatz ein “Dem angeschuldigten Arschloch ist ein Pflichtverteidiger zu bestellen” locker dahin diktiert - offenbar in der festen Überzeugung, dass das Programm wie stets aus dem “angeschuldigten Arschloch” den “Angeklagten” machen würde. Hat es aber nicht.
Zwar ging der Schriftsatz in der höflicheren Version an einen Kollegen, nicht aber an den Angeklagten selbst bzw. dessen Anwälte. Ich stelle mir gerade das Gesicht 1.) des Angeklagten vor und 2.) das Gesicht des verantwortlichen Diktators Diktierenden der Staatsanwaltschaft, als er sich des Missgeschicks bewusst wurde. Der Richter wurde nun laut einer Meldung der Augsburger Allgemeinen von dem Fall enthoben - er sei voreingenommen und befangen.
Wahrscheinlich ist er das nicht mehr als in anderen Fällen auch - aber mit derart launigen Formulierungen muss man sich halt zurückhalten, wenn man nur einem blöden Diktierprogramm und nicht einer Sekretärin aus Fleisch und Blut diktiert. Aufgegriffen hat den Fall übrigens der Kollege Wolf-Dieter Roth bei Neuerdings…
Sep 07
Irgendwie ist es schon beruhigend, zu sehen, dass auch andere Redaktionen mit den neuen Möglichkeiten des Internets noch überfordert sind nicht ganz so virtuos umgehen wie es möglich und wünschenswert wäre. Ein Trial-and-Error-Spielchen, das etwa die Süddeutsche mit ihren Web-Videos dokumentiert. Da gibt’s unter anderem ein eher tragisch als erheiternd wirkendes Filmchen zur gestrigen Dackelwanderung im Englischen Garten. Wer etwas genauer recherchiert, merkt recht schnell, dass das Video vom Münchenblogger stammt (und es dort auch den passenden “Bericht” gibt, der allerdings inhaltlich äußerst dünn ausfällt). Das macht das Video zwar nicht weniger peinlich, dokumentiert aber, wie sehr wohl auch die Onliner der großen SZ sparen müssen. Daraus zu schließen, dass Blogs und traditionelle Medien enger zusammenrücken, wäre allerdings falsch. Es ist eine Zweckehe, die beiden Partnern mehr abverlangt als ihnen gut tut.
Sep 05
Der Satz des Tages kommt von Kai Karsten (SWR3): “Das Leben ist eine Waschanlage und ich sitze auf einem Fahrrad.” - Na dann, schönes Wochenende Euch allen…
Sep 02
Da haben die Kollegen von der Süddeutschen mal wieder einen rechten Bock geschossen - sowohl im Blatt als auch online. Von der Servicehölle Deutschland ist da in einem Kommentar von Alexandra Borchardt die Rede. Darin heißt es:
“Viele Firmen, die auf der Konsumelektronikmesse IFA nach Kunden suchen, sehen etliche davon zum Stand von Apple pilgern. Der US-Konzern hat es als einer der Ersten verstanden, dass Technik dem Benutzer dienen soll und nicht den Technikern.”
Das ist erstens grober Unfug, da gerade Apple an vielen Punkten den Anwender mehr gängelt als andere Firmen (ich erinnere nur an das Gespann iPod / iTunes, das es dem Kunden verbietet, ohne Tricks Titel vom Player auf den Rechner zu kopieren). Und zweitens - das ist eigentlich wichtiger - stellt Apple gar nicht auf der IFA aus, wie die Kommentatorin mit einem kurzen Blick ins Ausstellerverzeichnis hätte sehen können (lediglich Drittfirmen). Zum Stand von Apple kann man folglich niemanden pilgern sehen, zumal das sprachliche Bild reichlich schräg ist. Ist das die Qualitätsoffensive der Süddeutschen? Ich hoffe nicht…